Verliebt in ein Schaf

Irene ist verliebt! Das ist doch toll, mögt ihr jetzt zunächst einmal denken. Verliebt sein ist doch schön! Ja, ist es wohl auch, aber es kann so verflixt kompliziert sein. Irene kam neulich in meine Beratungsstunde. Da hab ich wieder einmal gemerkt, wie bunt Schafe und Menschen sein können.

Irene hat sich nämlich in ein anderes Schaf, also in eine andere Frau verliebt. Was soll’s?, denkt ihr, aufgeklärt und modern wie ihr seid. Ja, was soll’s?, würde ich auch sagen, wenn Irene nicht verheiratet wäre. Und zwar mit Markus, und das seit zehn Jahren. Einen Sohn haben die beiden auch noch. Und was jetzt?, fragt ihr mich?

Ja, da ist guter Rat teuer. Zunächst einmal: Für Gefühle gibt es keine Begründung, keine Rechtfertigung. Wer sich verliebt, verliebt sich. Bautz!, ist das Gefühl da. Und Irene hat eigentlich auch gar keine Lust, sich dagegen zu wehren. Ach, wenn sie das andere Schaf sieht, dann hat sie Schmetterlinge im Bauch. Barbara, so heißt die Dame ihres Herzens, ist so hübsch! Und so lieb! Aber dann denkt sie an Markus. Sie liebt ihn ja auch. Und ihren Sohn sowieso, der ist erst fünf. Was soll denn aus der kleinen Familie werden, wenn sie sich auf Barbara einlässt? Welchen Ausweg kann es denn geben? Durchbrennen mit Barbara? Und Markus mit dem gemeinsamen Sohn zurücklassen? Oder den Sohn mit zu Barbara nehmen? Aber der würde seinen Vater vermissen. Und sie möchte Markus ja gar nicht verletzen. Also Barbara nicht mehr sehen. Aber – ach, nein! Das mag sich Irene dann auch wieder nicht vorstellen. Mit beiden, also mit Markus und Barbara, abwechselnd flauschen?

Was macht man denn da? Ich gebe zu, das ist ein kniffeliger Fall, und einen Rat kann selbst ich, das bunte Schaf, nicht einfach so geben. Gefühle fragen nicht groß vorher, ob es in Ordnung ist, wenn sie sich einstellen. Was ich Irene aber raten möchte: Sie soll nichts überstürzen, keine Tatsachen schaffen, die sie hinterher bereut. Zunächst soll sie sich über ihre Gefühle klarwerden: zu Markus, zu Barbara, und damit letztlich über die Familie als solche. Und dann die Konsequenzen gut durchdenken. Ich nehme mir Zeit für Irene, damit sie mit meiner Hilfe ihre Situation reflektieren kann und sich in Ruhe über alles klarwerden kann. Das kann ich gut, denn ich bin ja ganz neutral und habe keine eigenen Interessen in der Angelegenheit. Was am Ende dabei herauskommt, dass weiß nur Amor. Und der schießt seine Pfeile bekanntlich nach Gutdünken ab.

Ich trab jetzt erst einmal nach Haus zu Gustav, meinem Bock. Bis nächste Woche, eure Bernadette!

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